Sie stand neben mir wie der Berg von Uhud

Nach dem das Seminar in Madinah über die Sira-Studie (Biographie des Gesandten Allahs s.a.w.s.) abgeschlossen war, entschloss ich mich nach Makkah zurückzukehren, obwohl es schon sehr spät war. Auf der Hälfte des Weges sah ich ein Fahrzeug, das verkehrtherum etwas abseits lag und aus dem Rauch rauskam! Ich hielt sofort an und rannte zum überschlagenen Fahrzeug um den Verunglückten zu helfen. Je näher ich an das Auto kam, desto immer mehr klopfte mein Herz und ich bekam eine merkwürdige Angst. Ich schaffte es einen Blick ins Innere des Fahrzeugs zu werfen… der Anblick den ich sah… meine Augen waren voller Tränen.

Daraufhin fing ich an zu weinen wie ein kleines Kind… Ich sah den Fahrer, wie er an seinen Sitz angelehnt saß… Sein Gesicht verschönerte ein schwarzer, dichter Bart… Sein Gesicht war wie der Neumond… Er lächelte… Und sein Zeigefinger war angehoben gen Himmel…

Während mein Gesicht in Tränen badete, begann ich wie verrückt in das Auto zu schauen… Hinter dem Fahrer fand ich ein kleines Mädchen, das ihre Arme versuchte dem Vater um den Hals zu legen, um ihn zu umarmen… SubhanAllah, wahrscheinlich das letzte Mal… denn als ich zu ihr kam, sprachen ihre kleinen Lippen leise die Worte der Shahada „La ilaha illa Allah”, SubhanAllah… Einen solchen Anblick sah ich bislang nicht… es war unmöglich festzustellen wer das schönere Gesicht, das schönere Lächeln hatte — der Vater oder die Tochter… Auch andere Autos fingen anzuhalten… ein Stau bildete sich… die Leute wollten helfen!

Wegen der Trauer, die mich überwältigte, vergaß ich den Rest des Autos zu überprüfen… Ich weinte… ich achtete nicht darauf, wer um mich herum war… Einige dachten sicherlich, dass ich einen Nahestehenden verloren hatte. Jemand schrie: „Es sind noch Frauen und Kinder im Wagen!”

Ich drehte mich zur Stimme um und sah eine Frau, die trotz aller Missgeschicke und Schocks, mit ihren Händen — die mit Handschuhen bedeckt waren — ihre Abaya (Jilbab, Kleid) aufsammelte, damit sich nicht ein Teil ihres Körpers zeigen oder aufdecken würde… Sie war furchtbar gelassen… sie sah uns an und umarmte ihre beiden kleinen Kinder, die nicht verletzt waren, dank Allah! Sie erwähnte Allah und dankte Ihm… Sie bat nicht um Hilfe von uns… sie weinte nicht… sie war gelassen! Ich fühlte, dass sie wie ein Berg war… stabil, solide und stark. Allahu akbar!

Einer der Männer versuchte, ihr raus aus dem Auto zu helfen, sie lehnte aber mit einer sanften Geste durch ihre Hand ab, mit der sie uns klar machte, dass ein Mann dies nicht tun kann und dass sie alleine zurechtkommt. Sie stieg ruhig und absolut gelassen aus… und mit ihren Kindern entfernte sie sich vom Auto.

Ich begann wieder an zu weinen, als die Leute mich wieder merkwürdig anstarrten. Als sie sah, dass die Leute sich um sie herum versammelten, nahm sie ihre Kinder und wollte alleine sein. Während sie sich von uns weg bewegte, kam sie an mir vorbei und flüsterte mir leise zu: „Bruder weine nicht… mein Ehemann war ein guter Mensch… ein guter”

Ihr Satz bewirkte, dass ich aufhörte zu weinen. Nach einiger Zeit näherte ich mich ihr und ihren Kindern, ihr anbietend — wie meiner leiblichen Schwester — sie nach Hause zu fahren. Sie antwortete mit leiser Stimme und voller Scham: „Nein Bruder, ich steige nicht in ein Auto, in dem keine Frau sitzt”

Ich respektierte ihre Entscheidung, aber fühlte mich in mir selbst für sie verantwortlich. Ich wartete mit ihnen auf ein Auto, in dem eine Frau saß… Ganze zwei Stunden stand sie neben mir wie der Berg von Uhud. In meinem Kopf war die ganze Zeit nur ihre Stärke und Ruhe…

Aus dem Vortrag „Rihlatu ila-s-samai” von Shaikh hfz. dr. Muhammad al-A’rifi
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